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Der Alltag unserer Produktdesigner – von der Idee zum fertigen Produkt 

Die Ansprüche an einen guten Kopfhörer werden immer größer: perfekter Klang, hochwertige Verarbeitung, die neusten Technologien… Erstklassige Kopfhörer müssen diese und noch viele weitere Eigenschaften mitbringen. Das stellt unsere Produktdesigner täglich vor viele verschiedene Herausforderungen.

Es ist die Aufgabe unserer Designer, Komplexes für alle verständlich und nutzbar zu machen und natürlich muss ein gutes Design es schaffen, den perfekten Klang aus einem Kopfhörer herauszuholen.

Doch wie entsteht ein Produkt(design)? Welche Herausforderungen können während des Prozesses entstehen und vor allem: wer steckt eigentlich hinter unserem preisgekrönten Design? Stellvertretend für das Produktdesign-Team beantwortet Juliane Eckstein die faszinierendsten Fragen.

beyerdynamic: Vorab kannst du kurz unsere Designabteilung vorstellen? 

Juliane: Die Abteilung umfasst vier festangestellte Designer und mehrere externe Mitarbeiter. Außerdem können wir bei Bedarf noch auf weitere Experten zurückgreifen, wie zum Beispiel auf Spezialisten für die Bereiche Material, Farbe und Fertigungstechnologien.

Das Besondere an der Produktdesign-Abteilung von beyerdynamic ist, dass sie innerhalb der Entwicklungsabteilung angesiedelt ist. Das ermöglicht eine enge Zusammenarbeit mit Konstrukteuren, Akustikern und Elektrotechnikern. Normalerweise gibt es das Stereotyp, dass Produktdesigner und Konstrukteure natürliche Feinde sind – bei uns ist das genau umgekehrt! Durch den gemeinsamen Austausch entstehen die besten Ideen und spannende Diskussionen.

Designer sind Kommunikatoren, sie müssen die Sprache der anderen Disziplinen sprechen. Das bedeutet eben auch technische Begriffe zu lernen und zu verstehen. Als visuelle Menschen können wir außerdem durch Zeichnungen, Skizzen, Moodboards und Bilder kommunizieren. Nur so können wir das Beste aus allen Bereichen herausholen und Lösungen finden, die es vorher noch nicht gab.

Form und Funktionalität sehe ich als interdisziplinäres Zusammenspiel. Man muss sich zuerst klar werden: Was sind die Rahmenbedingungen? Was soll das Produkt aussagen? Was soll es unterbewusst vermitteln? Welche Botschaft soll es übermitteln? Als Designer können wir mit unseren Produkten Geschichten erzählen, dadurch können wir eine andere Ebene des Gesprächs erreichen.

beyerdynamic: Wie entsteht ein Produkt(design)?

Juliane: Bis zum fertigen Produkt durchlaufen wir verschiedene Projektstadien. Am Anfang gibt es die Ideenfindungsphase. In dieser schaue ich mir die Zielgruppen an und versuche, sie in Bilder zu fassen. Für jedes Projekt erfolgt eine sehr ausführliche Grundlagenrecherche. Außerdem informiere ich mich über die neuesten Techniktrends und Fertigungstechnologien.

Während der Entwurfsphase werden erste Skizzen angefertigt. Diese werden dann am Computer in 3D erstellt. Gemeinsam mit dem Konstrukteur wird am 3D-Drucker eine Form gedruckt. Farbe und Material werden definiert und es muss natürlich auch mit unseren Lieferanten gesprochen werden.

Es kann auch passieren, dass der Lieferant unsere Wünsche nicht umsetzen kann, dann müssen wir einige Schritte zurückgehen und uns eine neue Lösung überlegen. Design ist eben ein sich wiederholender Prozess, der am Anfang immer in gewisser Weise ergebnisoffen ist.

Mein Steckenpferd sind Innovationsansätze. Ich möchte immer etwas Neues, einen Überraschungseffekt oder einen gewissen Zauber ins Produkt einbauen. Diese Suche finde ich am spannendsten. Gerade das gelingt nur in einem interdisziplinären Entwicklerteam.

beyerdynamic: Kannst du uns am Beispiel vom Xelento Remote/Wireless das Produktdesign von der Idee zum fertigen Produkt beschreiben?

Juliane: Bevor wir mit dem Design für den Xelento begonnen haben wussten wir drei Dinge:

  • Wir möchten den besten In-Ear-Kopfhörer der Welt machen
  • Wir wollen ihn in Heilbronn bauen
  • Er soll perfekt sitzen

Wir sind schnell zur Erkenntnis gekommen, dass das Kopfhörer-Design zu mindestens 80 % von der Form des Ohrs bestimmt wird. Das heißt wir mussten extrem gut verstehen, wie das menschliche Ohr aussieht und funktioniert. Aus diesem Grund haben wir die verschiedenen Teile des Ohrs auswendig gelernt, damit wir genau wissen, an welchen Stellen das Ohr schmerzempfindlich ist und an welchen nicht.

Unser Akustiker, der sehr viel Erfahrung aus dem Hörgerätebereich mitbringt, ist ungewöhnlich vorgegangen: Er hat komplette Ohrabformungen von innen und außen erstellt. Sogar anonymisierte MRT-Aufnahmen wurden erstellt und ausgewertet, um das perfekte Ergebnis zu erreichen. Es war und ist eine extrem enge Zusammenarbeit zwischen Designabteilung, Elektroakustik und Ergonomie.

Das Kredo war: Nicht das Ohr muss sich an das Produkt anpassen, sondern das Produkt soll sich dem Körper anpassen. Sprich: Nicht das Ohr muss der Form ausweichen, sondern der Hörer soll druckfrei im Ohr sitzen. So können wir einen hohen Sitzkomfort erreichen. Herkömmliche Produkte drücken häufig im Ohr und werden nach längerem Tragen als unangenehm empfunden, häufig nässt und juckt das Ohr.

„Der perfekte Klang kommt durch den perfekten Sitz zustande.“

Durch Tests mit dieser Form haben wir festgestellt, dass wir den Xelento mit vielen Ear-Tips anbieten möchten. Denn der perfekte Klang kommt nur durch den perfekten Sitz zustande. Damit der Xelento perfekt sitzt, haben wir ungewöhnliche Formen gestaltet. Der Spitzname unserer Ear-Tip-Form ist „Lord Helmchen“, weil dieser aussieht wie der Helm von Darth Vader.

Beim Prototypenbau in der Frühphase werden wir von zwei Handwerksmeistern unterstützt. Grundlagenforschung und unzählige Materialtests gehören ebenfalls dazu.

Nach 19 Durchläufen mit viel Blut, Schweiß und Tränen waren wir endlich zufrieden. Als wir dann den ersten Prototyp in den Händen hielten und zum ersten Mal das Ergebnis hörten, war das ein tolles Erlebnis. Wir dachten: „Der hört sich an wie ein großer Kopfhörer, zum Beispiel ein Over-Ear. Die ganze Arbeit hat sich gelohnt!“ Am Anfang war nur eine geringe Stückzahl geplant, aber unsere Kunden haben schnell gemerkt, wie gut der Xelento ist.

beyerdynamic: Woher nimmst du deine Inspiration?

Juliane: Wir müssen uns in den Kunden hineinversetzen und versuchen, mit komplett neuem Blick auf unsere Produkte zu schauen. Nach zehn Jahren ist das nicht immer einfach. Aber schon im Studium lernt man als Designer, die Perspektive zu wechseln. Das heißt, man muss auch mal über den Tellerrand hinausschauen: Gibt es neue Entwicklungen im Bereich der Automobilindustrie? Neue Stoffe, Strukturen oder Verfahren? Auch Trends im Bereich Architektur und Mode sind relevant.

Aber natürlich auch gesellschaftliche Trends: Vor zehn Jahren gab es noch große kabelgebunden Kopfhörer und es wurde zuhause mit dem Plattenspieler Musik gehört. Heute wird der Kopfhörer unterwegs benutzt. Die Ansprüche haben sich also komplett geändert.

„Natürlich ist es wichtig, unsere Branche zu kennen. Aber die Produkte unserer Mitbewerber sind niemals Inspiration für mich.“

Beim Lagoon ANC waren unsere ersten Überlegungen: Wie und wann benutze ich den Kopfhörer? So war schnell klar, dass außensitzende Status-LEDs nicht die richtige Lösung sind. Beim Tragen der Kopfhörer kann man selbst die Außenbeleuchtung nicht sehen und die Menschen in meiner Umgebung werden gestört. Aus diesem Grund haben wir die die Beleuchtung nach innen versetzt und das Light Guide System entwickelt.

beyerdynamic - Lagoon

beyerdynamic: Wie hat sich das Design von beyerdynamic im Laufe der Jahre verändert?

Juliane: Im Laufe der Jahre wurde strategisch nicht mehr nur an einzelne Produkte gedacht, sondern an das komplette Portfolio. Die Ansprüche der Kunden haben sich geändert, das spiegelt sich im Design wieder.

Auf innovative Materialien wurde ein Schwerpunkt gelegt. Diese sollten und sollen nicht nur gut aussehen oder eine tolle Haptik haben, sondern auch akustische Verbesserungen und dem Kunden Vorteile bringen.

Außerdem gibt es eine noch stärkere Verzahnung zwischen Design, Technik und Benutzer. Der komplette Entwicklungsprozess hat sich verbessert. Design ist von Anfang an dabei.

Beim Xelento gibt es zum Beispiel das abnehmbare Edelstahlgitter (Cerumengrid oder Ohrenschmalzbremse ;D ). Damit wir den 1000-Euro-Klang für den Kunden für viele Jahre erhalten können, bieten wir die Möglichkeit, das Gitter selbst zu reinigen oder einfach selbst durch ein neues auszutauschen. Wir sind einer der ganz wenigen Hersteller, bei denen das Gitter austauschbar ist. Das Gitter verhindert, dass der Hörer verstopft. So bleiben die hohen Töne erhalten und der Kopfhörer klingt niemals dumpf.

Außerdem ist die Oberfläche hypoallergen und schmutzabweisend. Das Interface des TG 1000 wurde so entworfen, dass das Gerät auch im Halbdunkel bedient werden kann. Außerdem wurden 54 LEDs eingebaut und der Drehknopf beleuchtet. Das Augenmerk lag auf der leichteren und intuitiven Bedienung.

Der Hörer ist spritzwassergeschützt. Man braucht also keine Angst zu haben, wenn der Regen kommt. Um sicher zu sein, dass der Kopfhörer das auch aushält, haben wir ihn 24 Stunden ins Wasser gelegt. Das war kein Problem!

beyerdynamic: Kannst du uns einen Ausblick in die Zukunft geben?

Juliane: Es gibt immer was zu tun im Designbereich und Ideen haben wir genug!

Die Anwendung der Kopfhörer verändert sich, aber natürlich verändern sich auch die Geräte, mit denen die Kopfhörer verwendet werden. Die Menschen sind mehr unterwegs, Active Noise Cancelling wird dadurch immer wichtiger. Die Produkte müssen sich dem Anwender anpassen. Es bleibt also spannend.

Zur Person:
Juliane arbeitet bereits seit 10 ½ Jahren als Produktdesignerin bei uns. In dieser Zeit konnte die Designabteilung bereits mehrere Patente anmelden und einige Designpreise abräumen. Juliane wurde außerdem ausgezeichnet als „Europe 40 under 40“. Produktdesign studierte sie in Braunschweig und Karlsruhe. Berufsbegleitend absolvierte sie außerdem noch ein MBA-Studium.

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