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beyerdynamic trifft EstA

EstA – ein Rapper aus dem kleinen, beschaulichen Saarland, der sich bewusst dafür entscheidet kein Teil der heutigen Rapszene zu sein.

Seinen Einstieg in das Business schaffte er unter anderem auch durch das Videobattletunier (VBT) und machte sich dort einen ersten Namen. Jetzt veröffentlicht er nach vier Jahren ein neues Album – das erste als Independent-Künstler.

Im Interview: EstA

Der Rapper erzählt uns wie er zu seiner Musik kam, wie das neue Album entstanden ist und was er einem Neueinsteiger in der Rapszene mit auf den Weg geben würde.

Kaffee oder Tee?

EstA: Tee – mit einer tiefen Abneigung gegen Kaffee.

UrPils oder Bitburger?

EstA: UrPils.

Kreatives Chaos oder Strikte Ordnung?

EstA: Als Lehrerkind irgendwas dazwischen.

Großstadt oder Dorf?

EstA: Auf jeden Fall Großstadt.

Lautsprecher oder Kopfhörer?

EstA: Kopfhörer.

beyerdynamic: Du kommst ursprünglich aus der Battle-Rap-Szene – in wie weit haben dich die Battles geprägt und Einfluss auf deine heutige Arbeit?

EstA: Ich bin mit Rap aufgewachsen. Die ersten Berührungspunkte waren damals Aggro Berlin, die Sekte, Fler, Sido und Bushido. Das hat mich dazu inspiriert selbst Texte zu schreiben.

Mit den Battles habe ich über die RBA angefangen. Das waren damals noch reine Audiobattles. Erst danach kamen das VBT.

Was mich schon immer daran gereizt hat, war das Derbe und Heftige in den Texten. Ich fand es cool zu provozieren. So konnte ich einen meiner Charakterzüge ausleben und die Leute aus der Reserve locken. Punchlines zu schreiben hat mir Spaß gemacht und hat mich auch bis heute geprägt. Das wird auch auf meinem neuen Album immer wieder zuhören sein.

beyerdynamic trifft EstA

beyerdynamic: Es macht den Eindruck als hätte sich die Rap-Szene in den letzten Jahren stark verändert und auch du rappst über deinen Unmut gegenüber der Szene – Fühlst du dich da überhaupt noch wohl?

EstA: Ich frage mich, ob ich je ein Teil der Szene war. Auch über mein ehemaliges Label habe ich mich bewusst als Gegenpol positioniert.

Dass es in der Szene heute keine Inhalte mehr braucht und man nur den geilen Beat und die richtigen Vibes benötigt, ist mit Sicherheit die Schattenseite der Veränderung. Jeder kann derzeit Rapper werden. Stars werden gemacht – es geht nur noch um das richtige Marketingbudget. Mit einem fetten Beat, besonderem Aussehen und einem „coolen“ Leasingwagen im Video werden Musiker in den Markt gepresst.

Auf der anderen Seite ist der Hype, den Rap derzeit erfährt aber auch gut. Er wird endlich als Sprache der Jugend anerkannt und bekommt von den Medien die verdiente Aufmerksamkeit geschenkt.

Es ist nur schade, dass viele Künstler diese Reichweite nicht nutzen. Oft geht es in den Texten nur darum Drogen zu ballern.Klar gibt es auch Musiker, die sich gegen Drogen positionieren und ihre Reichweite dementsprechend gut nutzen. Dennoch überwiegt für mein Empfinden leider der Trash.

Für mich persönlich muss ich nun die Entscheidung treffen, ob das weiterhin noch meine Welt bleibt oder ob das nun mein letztes Album war. Ich lege eben sehr viel Wert auf Inhalte und durchdachte, aussagekräftige Lyrics. Das Business hat sich dahingehend aber über die letzten zehn Jahre verändert. Musik ist so etwas faszinierendes, aber wird aktuell immer willkürlicher und belangloser.

Ich hoffe, dass sich diese Entwicklung bald wieder umkehrt, denn Musik hat auch etwas mit Bildung zu tun, was das neue Album von Samy Deluxe beweist. Da muss man bei den Texten manchmal zweimal hinhören, um die Gesellschaftskritik zu verstehen.

Pressebild EstA | beyerdynamic

beyerdynamic: Deine Text schreibst du auch heute alle noch selbst – woher kommen die Ideen und bist du im kreativen Prozess allein?

EstA: Die Ideen können von überall herkommen. Das kann manchmal eine Zeile, eine Melodie oder ein Beat sein oder es passiert im Gespräch, dass ich ein Wort sehr ästhetisch und schön finde und dann beginnt es bereits im Hinterkopf zu rattern. Da ich aber gerne im kreativen Prozess für mich allein bin, schreibe ich mir die Dinge dann nur schnell auf oder mache mir eine Sprachnotiz zur Idee und verarbeite dann alles zu Hause. Ich schnappe mir dann gerne meine Kopfhörer und tauche voll in die Musik ein. Wobei ich auch schon Songs in Ägypten am Pool oder am Strand in Thailand geschrieben habe.

Die besten Songs ergeben sich übrigens häufig aus einer Emotion heraus, wenn mich etwas aufregt und packt.Das war übrigens auch der Grund, warum wir circa 90 Prozent des neuen Albums wieder verworfen und neu aufgenommen haben. Manchmal entwickeln sich Songs, wenn der Beat hinzukommt in eine ganz andere Richtung als eigentlich geplant. Fehlt dann das entsprechende Feeling, muss man nochmal ran. Dafür gehe ich dann auch den Streitigkeiten mit meinen Produzenten nicht aus dem Weg. Ich muss voll hinter meinen Songs stehen.

beyerdynamic: Was kommt zuerst? Der Beat oder der Text?

EstA: Unterschiedlich – z.B. beim neuen Teil von „Allein gegen Alle“ stand natürlich zuerst das Thema. Ich habe den Song chronologisch aufgebaut und ich wusste, er muss nostalgisch und vor allem kompromisslos ehrlich werden. Es gab einfach bestimmt Punkte zu diesem Thema, die abgehakt werden mussten. Der Beat kam erst später dazu. Der Produzent liefert mir in der Regel ein Beat-Layout und ich finde dann darauf meinen Flow und meine Art zu rappen. Ich will auch in zehn Jahren noch lächeln können, wenn ich meine Songs höre. Es geht mir dabei oft um die Atmosphäre und die Gefühle, welche die Songs erzeugen.

Auch im neuen Album war mir die Atmosphäre super wichtig, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Platte zieht.

beyerdynamic: Ende Februar hast du den Song „Allein gegen alle Pt. 2“ veröffentlicht – Was hat dich dazu bewegt?

EstA: Die Story stammt ja eigentlich aus 2015 und bisher durfte bzw. darf ich auch eigentlich noch immer nicht drüber sprechen. Die Kurzfassung ist, dass mich mein Ex-Label-Chef total verarscht hat. Ich wurde bedroht und die ganze Situation hat nicht nur mich, sondern auch mein Umfeld extrem belastet.

Heute weiß ich, dass ich am längeren Hebel sitze und kann deshalb ganz entspannt die Story in meinen Songs verarbeiten. Das war wie ein Ventil für meine Emotionen.

Ich habe mich natürlich bewusst dazu entschieden das Intro von Part 1 auch im zweiten Teil zu verbauen. Ich möchte den Fans einfach genau dasselbe Gefühl geben, das sie auch beim ersten Teil des Songs bereits hatten.

beyerdynamic: Wohin geht’s mit dir 2020?

EstA: Nach vier Jahren mit vielen Höhen und Tiefen ist nun das neue Album „NUR FÜR MICH“ erstmal der nächste Meilenstein. Tatsächlich fühlt sich die Veröffentlichung wie ein riesiger Brocken an, der mir vom Herzen fällt.

Das Album umfasst eben die vergangenen vier Jahre mit allen Emotionen komprimiert auf 16 Songs.

Wie es dann weitergeht weiß ich noch nicht. Vielleicht war das dann mein letztes Album.

Ich muss eine Entscheidung treffen, was für mich persönlich überwiegt – die Leidenschaft für meine Musik oder der Ärger über die Szene. Klar ist aber, ich bleibe der Musikwelt erhalten. Denn dafür schlägt mein Herz. Den Rest lasse ich jetzt auf mich zukommen.

beyerdynamic: Plaudre mal etwas aus dem Nähkästchen – welche Anekdote zum neuen Album gibt es?

EstA: Was eigentlich ganz witzig ist, ist dass wir tatsächlich fast das ganze Album einmal verworfen haben. Von 20 Songs haben es nur noch zwei auf die neue Version geschafft. Mir hat das Soundbild nicht mehr gefallen und ich habe gemerkt, dass ich mich zu sehr bemüht habe mich der Szene anzupassen. Irgendein Typ auf Instagram hat neulich unter einen Post geschrieben „Du rappst wie 2015.“ Klar hat er da Recht, dafür kann ich meine Songs aber noch fühlen.

Auch, wenn wir bereits seit mehreren Jahren an dem Album arbeiten, so lag die Hauptarbeitszeit doch in den letzten zwei bis drei Monaten. Da saßen wir wirklich Tag und Nacht an dem Projekt. Mein Produzent Eric Philippi und mein Videomann ZGLfilms haben wahnsinnig abgeliefert und das Album ist nun genauso geworden, wie ich es mir vorgestellt habe. Es wurde letztendlich sehr autobiografisch. Ich glaube, wenn die Leute meine Songs hören, können sie gar nicht begreifen, wie viel von mir darin steckt. Die Verbundenheit mit jedem einzelnen Song, dass das alles zu 1000 Prozent ich bin oder war und Dinge erzählt werden, die ich erlebt habe, kann für viele erschreckend oder überraschend sein.

beyerdynamic: 2010 hast du deine erste Single (Immer noch) auf Youtube veröffentlicht – Was würdest du jemandem empfehlen, der in die Rapszene einsteigen will?

EstA: Eigentlich war das 2010 keine wirkliche Single. Es war nur ein Song, den ich außerhalb der Battle Rap Szene aufgenommen habe.

Jungen Künstlern würde ich empfehlen, dass sie ihre Songs erstmal für sich schreiben und nicht gleich alles veröffentlichen. Wartet auf ernstgemeintes Feedback aus eurem Freundes. und Bekanntenkreis und verbessert euch. Auch ich habe Songs online, die ich so nicht mehr veröffentlichen würde. Was aber einmal online ist, bleibt oft sehr lange bestehend. Wichtig ist auch, dass man immer dranbleibt. Man veröffentlicht nicht fünf Songs und hat plötzlich 100.000 Klicks, außer natürlich man kauft sie.

Rap zu machen, bedeutet hartnäckig zu bleiben, eifrig zu sein und stets an der Sache dran zu bleiben. Man wird besser mit der Zeit. Übung macht den Meister und nur wer mit Leidenschaft dahintersteht und sich treu bleibt, erreicht sein Ziel.

beyerdynamic: Wie würdest du beyerdynamic in 3 Worten beschreiben?

EstA:
a. Qualitativ hochwertig
b. Etabliert
c. Geiler Sound

Ihr möchtet mehr über EstA erfahren? Dann folgt ihm auf seinen Social-Media-Kanälen und hört ins neue Album rein!

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