HEADPHONE LAB IM ENTWICKLER-INTERVIEW: SCHLUSS MIT DEM KOPFHÖRER-KOMPROMISS
Der Mix klingt am Kopfhörer perfekt – und auf deinen Boxen dann doch ganz anders? Dieses Problem kennen viele Künstler:innen und genau dort setzt unsere Software HEADPHONE LAB an. Im Interview gibt, neben unserem Director PRO Audio Martin, unser Akustikingenieur Jonas Einblicke in die Technologie hinter der Software, verrät, was ihn beim Entwicklungsprozess überrascht hat, und was Nutzer:innen in Zukunft noch erwarten dürfen.
Im Interview: Jonas, Acoustic Engineer
INHALTSVERZEICHNIS
Von der Idee zur Software
beyerdynamic Blog: Wie ist die Idee zum HEADPHONE LAB entstanden? Was war der Auslöser?
Martin: Kopfhörer nehmen in der Content Creation zunehmend eine zentrale Rolle ein. Bei der Produktion und Bearbeitung von Audioinhalten müssen Kopfhörer bestimmte Aufgaben erfüllen, die sich ausschließlich mithilfe digitaler Signalverarbeitung lösen lassen. Ein Beispiel hierfür ist die Simulation des akustischen Verhaltens von Studio Monitoren in einem Raum. Diese Technik ermöglicht es, realistische Klangbedingungen nachzubilden und damit die Arbeit für Content Creator zu erleichtern.
Vor diesem Hintergrund stellt die Entwicklung von HEADPHONE LAB einen konsequenten Schritt dar. Ziel ist es, Kopfhörer als primäres Abhörwerkzeug weiter auszubauen und deren Möglichkeiten stetig zu erweitern. Die Plattform wird um zahlreiche spannende Features ergänzt, um die Anforderungen moderner Content Creation optimal zu erfüllen.
Wie klingt ein Lautsprecher – im Kopfhörer?
beyerdynamic Blog: Welche technologischen Grundlagen stecken hinter der Entwicklung des Crossfeed-Modells – und wo lagen die größten Herausforderungen bei der Umsetzung?
Jonas: Ein Crossfeed-Modell modelliert das bei der Lautsprecherwiedergabe vorhandene Übersprechen beider Kanäle auf beide Ohren. Bei der Kopfhörerwiedergabe empfängt das linke Ohr ausschließlich das Signal des linken Kopfhörers – bei Lautsprechern hingegen trifft Schall immer an beiden Ohren an.
Im einfachsten Fall nehmen wir dabei unseren schalltoten Raum an: Der übersprechende Anteil ist hier ausschließlich der Schall, der vom ohrabgewandten Lautsprecher gesendet wird – also vom rechten Lautsprecher zum linken Ohr und umgekehrt. Dieses Modell hilft bereits dabei, stark seitlich gepannte Signale nach vorne in Richtung der tatsächlichen Lautsprecherposition zu ziehen. Mittensignale wie Gesang oder Bass zu externalisieren, ist dagegen deutlich anspruchsvoller.
Für die Umsetzung arbeiten wir daher mit drei Modellen: Im Freifeld simulieren wir eine Umgebung ohne Reflexionen – der Kreuzpfad lässt sich hier durch einen Abschattungsfilter abbilden, der hohe Frequenzen ab ca. 1 kHz dämpft. Im Diffusfeld wird das Filter komplexer, da Reflexionen einen größeren Einfluss haben. Die Studioumgebung schließlich bildet einen ausgewogenen Mittelweg zwischen beiden.
Genau hier lag auch die größte Herausforderung: den richtigen „Sweet Spot” zu finden – also genug Komponenten realistisch nachzubilden, ohne das Hörerlebnis durch zu viel Komplexität zu belasten. Ein Bereich, an dem wir kontinuierlich weiterarbeiten.
Du möchtest mehr über den schalltoten Raum und dessen Test-Möglichkeiten erfahren? In diesem Blogbeitrag bekommst du alle Infos rund um die Konstruktion und Messtechnik.
Präzision bis ins letzte Detail
beyerdynamic Blog: Wie gelingt die präzise Entzerrung und Kalibrierung der verschiedenen DT-Modelle via HEADPHONE LAB?
Jonas: Zum einen konnten wir auf unsere Golden Samples zählen. Das sind für uns Akustiker die Kopfhörer, die wir bei der Entwicklung als klanglich perfekt abgestimmtes Exemplar definieren. Sozusagen ein Exemplar mit “goldenem” Klang. Diese konnten wir nutzen, um die Entzerrungskurven für jedes Kopfhörermodell zu generieren. Das bringt schon mal 95% auf dem Weg, die jeweiligen Modelle auf unser Studio Target zu entzerren.
Die letzten 5% fehlen dann noch, da der Klang von jedem einzelnen Kopfhörer aufgrund von Toleranzen aller Akustikkomponenten (zum Beispiel der Treiber, aber vor allem durch akustische Vliese oder Ohrpolster) individuell leicht schwankt. Auch wenn diese Schwankungen bei unseren Kopfhörermodellen durch hochwertige Komponenten sehr gering sind, lassen sie sich nie ganz vermeiden.
Um auch diese letzten 5% zu erreichen, haben wir das innovative Feature Factory Calibration entwickelt. Hierbei nutzen wir die Messungen aus der Fertigung für jeden individuellen Kopfhörer, also basierend auf der Seriennummer, um dessen Abweichung vom Studio Target auf eine nahezu nichtmehr hörbare Genauigkeit zu entzerren.
beyerdynamic Blog: Welche Lösung bietet HEADPHONE LAB Musikschaffenden und wer profitiert besonders von dieser Software?
Jonas: Mit HEADPHONE LAB ermöglichen wir Musikschaffenden, auch ohne perfekt akustisch behandeltes Studio verlässliche Mixing- und Mastering-Entscheidungen zu treffen. Das Ziel ist, dass ein Mix nicht nur auf dem eigenen Kopfhörer gut klingt, sondern auch auf Lautsprechern, im Auto oder beim Streaming konsistent überzeugt.
Besonders profitieren davon Produzent:innen, Engineers und Content Creator, die flexibel arbeiten müssen – etwa unterwegs, im Home- oder Bedroom-Studio oder in akustisch schwierigen Räumen. Statt mehrere Tausend Euro in Raumakustik und Studiomonitore investieren zu müssen, erhalten sie mit einem DT-Kopfhörer und HEADPHONE LAB eine reproduzierbare Referenzabhöre, die nahezu überall funktioniert.
Technisch basiert das auf zwei zentralen Komponenten:
1. Das Studio Target kalibriert unterstützte DT-Kopfhörer auf eine neutrale, mixing-taugliche Referenz. Dadurch werden Mixentscheidungen deutlich verlässlicher und besser auf andere Wiedergabesysteme übertragbar.
2. Die Lautsprecher-Emulation überträgt wichtige Eigenschaften eines Studio-Monitor-Setups auf den Kopfhörer – insbesondere eine natürlichere Stereoabbildung und realistischere räumliche Wahrnehmung.
So entsteht ein Workflow, der die Präzision hochwertiger Kopfhörer mit den Vorteilen klassischer Lautsprecher-Abhören verbindet – unabhängig vom Raum oder Standort.
Studio Target = dein Kopfhörer als neutrale Referenz.
Lautsprecher-Emulation = räumliches Lautsprechergefühl, überall.
Gebaut für Profis – getestet von Profis
beyerdynamic Blog: Spannend wie viel Entwicklungsarbeit in diesem Projekt steckt. Gab es im Prozess überraschende Erkenntnisse oder Wendepunkte, die das Projekt maßgeblich beeinflusst haben?
Jonas: Wir haben im Projekt sehr früh mit einer Fokusgruppe gearbeitet, die das Plugin bereits ausgiebig testen konnten. Die Fokusgruppe hat uns durchweg wichtiges Feedback gegeben, von dem wir sehr viel einfließen lassen konnten.
Durch das “Field-Testing” mit unserer Fokusgruppe haben wir versucht, die Raumsimulation so zu tunen, dass bei Standard-Regler Einstellung der Raumnachbildung in möglichst vielen realistischen Abhörsituationen die Mixing-Beurteilung nicht leidet. Wir haben also unsere Raumsimulation fürs erste eher dezent gehalten, wenn man den ROOM-Regler nach rechts dreht, ist das Feature bewusst etwas stärker betont, sodass man ein Gefühl dafür bekommt, was passiert.
beyerdynamic Blog: Wie unterscheidet sich HEADPHONE LAB von anderen Virtual-Monitoring- oder Kopfhörer-Kalibrierungslösungen?
Jonas: In HEADPHONE LAB steckt tatsächlich ein hoher Forschungsteil, der sich recht unscheinbar im rechten Teil des Plugins, also der Loudspeaker Simulation versteckt. Das heißt auch, dass generell Binauralisierer noch große Schritte nach vorne machen werden in Zukunft. Im Vergleich zu anderen Virtual-Monitoring-Lösungen kann HEADPHONE LAB durch eine große, von uns verifizierte Anzahl an unterstützten Kopfhörern zurückgreifen. Hier ist uns bei Vergleichsprodukten oft aufgefallen, dass manche Modelle von uns aus unserer Sicht nicht adäquat entzerrt werden.
beyerdynamic Blog: Was ist in diesem Kontext dann die Herausforderung, für ein positives Hörerlebnis?
Jonas: Eine wichtige Untersuchung war, gemessene binaurale Raumimpulsantworten einzubauen – gemessen zwischen Lautsprechern und einem Kunstkopf im Raum. Dabei konnten wir einen bekannten Effekt beobachten: den Room Divergence Effect. Eine Binauralisierung klingt nur dann natürlich, wenn der Raum, in dem man sitzt, auch der nachgebildete ist. In kleineren Räumen fängt sie schnell an, unnatürlich zu klingen. Deshalb haben wir in der aktuellen Version bewusst weniger Raumanteil eingebaut. An Lösungen wie Head Tracking arbeiten wir bereits.
beyerdynamic Blog: Gab es auch Schwierigkeiten bei der Abstimmung auf verschiedene Kopfhörerimpedanzen oder Bauformen?
Jonas: Die Entzerrung ist auf hochwertige Kopfhörerverstärker mit niedriger Ausgangsimpedanz ausgerichtet – und funktioniert dort sehr robust. Kopfhörer wie der DT 1990 PRO MKII profitieren dabei besonders: Dank des TESLA.45-Systems sind die Verzerrungswerte so niedrig, dass eine präzise Entzerrung bis in tiefste Frequenzen möglich ist.
beyerdynamic Blog: Wie wurde die Balance zwischen technischer Präzision und Benutzerfreundlichkeit erreicht?
Jonas: Auch hier hat uns die Fokusgruppe stark geholfen: Das UI ist im Entwicklungsprozess durch mehrere Konzepte und Iterationen gegangen und wurde gemeinsam mit den Testenden Schritt für Schritt benutzerfreundlich gestaltet. Ergänzend haben wir die Bedienlogik in internen und externen Hör- und Praxis-Tests sowie bei Sessions vor Ort in Studios überprüft und verfeinert.
beyerdynamic Blog: Du hattest bereits erwähnt, dass ihr bei der Entwicklung sowohl internes als auch externes Feedback bekommen habt. Wie wertvoll war das für euch?
Jonas: Auch wenn viele bei uns in der Abteilung mit Musik zu tun haben – egal ob Instrument spielen, Musikhören, Musikproduzieren – sind wir nie so nah am tatsächlichen Produkt wie die Profis, die das Plugin dann tagtäglich benutzen.
Der Input war tatsächlich an manchen Stellen für uns etwas überraschend und hat uns bei der Feinjustierung der UI aber auch den klanglichen Features einen Bärendienst erwiesen. Diese Art der Kooperation werden wir in Zukunft intensivieren und ich bin mir sicher, dass das maßgeblich zu guten neuen Features für die Zukunftsversionen führen wird. Für uns war die Kooperation mit Fokusgruppen und damit eben externen Testern sehr wichtig.
Die Vision hinter HEADPHONE LAB
beyerdynamic Blog: Ihr entwickelt die Software stetig weiter. Auf welche bisherigen Features seid ihr besonders stolz?
Jonas: Durch die kontinuierliche Weiterentwicklung von HEADPHONE LAB konnten wir nicht nur den Anspruch an die akustische Präzision steigern, sondern auch die automatisierten Messverfahren in der Fertigung optimieren. Das Ergebnis ist die im Markt einzigartige, noch genauere und zuverlässigere FACTORY CALIBRATION. In Zukunft werden immer mehr Kopfhörermodelle von dieser Technologie profitieren.
beyerdynamic Blog: Welche Entwicklungen sind in Zukunft geplant und auf was dürfen sich die Nutzer:innen von HEADPHONE LAB freuen?
Jonas: Wir verstehen die aktuelle Version als Aufbruch in eine neue Zeitrechnung bei beyerdynamic. Ein großer Teil dieser neuen Zeitrechnung ist, dass wir durch intensive Forschung ein neues Klangziel speziell für die Audio-Engineers in Studios entwickelt haben: Das beyerdynamic Studio Target. Hierfür haben wir bei Hörversuchen mit dutzenden Audioprofis ein Äquivalent zum Harman Target, das sich bei Consumer Kopfhörern in der Vergangenheit durchgesetzt hat, für das Studio entwickelt.
Zum anderen sehen wir einen großen Trend, dass mehr und mehr Musikschaffende kein Lautsprechersetup mehr verwenden, oder zumindest der Kopfhörer immer wichtiger wird. Trotzdem gab es in der Vergangenheit immer gute Gründe ein Lautsprechersetup zum Produzieren zu verwenden. Für uns ergibt sich so ganz klar das Ziel, die Vorteile der Lautsprecherwiedergabe in die Kopfhörerwelt zu überführen. Das geschieht maßgeblich durch immer besser werdende Binauralisierungs-/Externalisierungsfeatures wie auch in unserer Room Simulation. Dieses Feature werden wir konsequent weiterentwickeln, wobei wir immer einen möglichst unverfälschten Klang als Ziel im Hinterkopf behalten werden. Beispielsweise Dolby Atmos Integration, überarbeitete Raumsimulation, etc.
beyerdynamic Blog: Vielen Dank für die offenen Einblicke in Entwicklung, Forschung und der Vision hinter der Software. Wir sind gespannt, wie sich HEADPHONE LAB künftig weiterentwickeln wird.
Du möchtest selbst erleben, was HEADPHONE LAB kann? Teste die Software jetzt und entdecke, wie dein DT-Kopfhörer zur Studio-Referenz wird. Jetzt entdecken >
Diese Beiträge könnten dich ebenfalls interessieren:
Wie bewertest du diesen Artikel?
Rating: 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 1