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VOCAL-AUFNAHMEN BEARBEITEN UND MISCHEN – SO GEHT’S!

Nach der Session ist vor der Session: die Aufnahme ist im Kasten, Sänger und Produzent sind glücklich. In der Regel folgt jetzt eine intensive Editing- und Mixing-Session. In diesem Blog-Post widmen wir uns dem Mixing, also dem Mischen der Vocal-Aufnahme, denn das Editing ist ein aufwändiger Prozess, der eine eigene Detailbetrachtung verdient.

Der ganze Prozess des Mischens startet natürlich mit der Originaldatei unserer Vocal-Aufnahme. Die Audiospur wurde mit dem Gesangsmikrofon TG V96 aufgenommen. Am besten du hörst dir die Sound Samples mit einem Kopfhörer an, denn damit nimmst du die Unterschiede noch deutlicher wahr.

Frikative, Plosive, Höhen – die Eigenheiten des Vocal-Signals

Beim Mischen einer Sprach- oder Vocal-Aufnahme gibt es einige Hintergründe zu beachten. Im Gegensatz zu einer Instrumentalaufnahme besteht eine Vocal-Aufnahme aus vielen verschiedenen Signalanteilen, die oft „unberechenbar“ sind. So enthält sie beispielsweise Zisch- und Pop-Laute (Frikative und Plosive) sowie Atmer, Schmatzer und Vokale – letztere sind für uns am wichtigsten. Diese verschiedenen Fragmente werden mal lauter, mal leiser eingesungen und bei den Vokalen kann die Tonhöhe stark variieren. Das macht diese Aufnahmen so komplex, dass wir sie oft nicht mit einem einfachen Kompressor oder Equalizer (EQ) bearbeiten können.

Bei Instrumentalaufnahmen finden wir diese Vielfalt nur selten. Zwar variiert auch bei einer stark verzerrten E-Gitarrenaufnahme die Tonhöhe, doch die Wellenform und die Anteile an Obertönen und Rauschen weisen keine großen Ausreißer auf. Auch ist hier der Dynamikbereich auf ein Minimum reduziert, wohingegen ein dynamischer Sänger sprunghaft zwischen sehr leisem und sehr lautem Gesang wechseln kann. Das bedeutet, dass die Arbeit mit Kompressor oder EQ bei Vocal-Aufnahmen deutlich anspruchsvoller ist.

Der Feinschliff – das sogenannte „Clean Up“

Nehmen wir an, wir erhalten eine Audiospur, die schon recht gut editiert wurde, das bedeutet große Lautstärkeschwankungen wurden angepasst, unnötige Atmer und Schmatzer entfernt und starke Plosive manuell gedämpft. Dann wirkt diese Aufnahme zwar schon deutlich „sauberer“, doch das Mixing ist damit noch lange nicht erledigt.

Audiosignal bearbeitet mit leichten Eingriffen und Absenkungen.

Es kann zum Beispiel sein, dass in leisen Passagen eine Art Grundrauschen zu hören ist. In diesem Fall können wir mit einem Algorithmus zur Rauschreduzierung arbeiten. Dieser analysiert das Audiosignal und identifiziert einen Rauschteppich auch dann, wenn er unter dem Nutzsignal zu hören ist. Oftmals ist dieser Schritt gar nicht zwingend nötig, er kann aber eine gute Aufnahme noch etwas klarer machen. Da wir hier aber das Nutzsignal zu 100 % erhalten wollen, sollten wir keine groben Eingriffe vornehmen, sondern das Rauschen nur sehr leicht reduzieren.

Wie bereits erwähnt enthält ein Vocal-Signal immer Plosive und Frikative. Diese müssen auch vorhanden sein, da sie Teil der natürlichen Sprache sind. Doch das Mikrofon überträgt diese Laute nicht immer natürlich oder gleichmäßig, weshalb wir sie absenken müssen. Dafür gibt es spezielle Tools wie zum Beispiel den sogenannten „De-Esser“, der in vielen Audiosoftwares enthalten ist und recht gut funktioniert. Genau genommen handelt es sich dabei um einen Kompressor, der in einem schmalen Frequenzband arbeitet und genau die Frequenzen absenkt, die bei S- oder F-Lauten überbetont werden. Starke Plosive können wir mit diesem oder ähnlichen Tools (Plug-Ins) allerdings nur schwer dämpfen. Hierfür empfiehlt sich eine Automation des Equalizers. Dabei sollten wir den Low-Cut so automatisieren, dass nur der Abschnitt mit dem Plosiv kurz „geschnitten“ wird.

Fab Filter Compressor mit Preset: De-Esser

Ein Vocal-Signal kann aber auch vom Mikrofon, Raumklang oder auffälligen Frequenzen des Performers selbst beeinflusst werden. Um weitere Fehler im Frequenzbereich zu korrigieren und störende oder räsonierende Frequenzen zu dämpfen, sollten wir auch hier einen Equalizer verwenden. Dabei schneiden wir mithilfe eines Low-Cut den Tiefbass ab, den wir bei Stimmsignalen ohnehin nicht benötigen, und korrigieren mit anderen Frequenzbändern sehr vorsichtig kleinere Signal-Anteile.

Insgesamt wollen wir in diesem Schritt die Aufnahme aber nicht grundlegend im Klang verändern, sondern nur kleine Korrekturen vornehmen, damit wir in den weiteren Schritten besser arbeiten können.

Und so hört es sich nach dem „Clean Up“ an:

Dynamik und Kompression

Ein Vocal-Signal hat, wie schon erwähnt, einen sehr hohen Dynamikbereich. Wenn ein Sänger beispielsweise in einer Passage flüstert und in einer anderen mit voller Lautstärke singt, so ist der Unterschied zwischen dem leisesten und dem lautesten Signal mitunter sehr groß. Wenn das Gesangssignal im Mix aber gut hörbar sein soll, stehen wir vor dem Problem, dass Flüstern zu leise ist und untergeht, während die laute Stelle alles andere überlagert.

In diesem Fall verwenden wir einen oder mehrere Kompressoren, die das Signal automatisch regulieren und gleichmäßig laut klingen lassen. Diese Kompressoren arbeiten dann besonders gut, wenn wir die in den vorherigen Abschnitten beschriebenen Schritte schon durchgeführt und einige Teile des Signals manuell bearbeitet haben. Wichtig ist jetzt eine erste Einschätzung zum tatsächlichen Dynamikbereich des Gesangs, denn zu viel Kompression lässt das Signal uninteressant erscheinen. Wenn wir genau das verhindern wollen, können wir die Kompression auch „stacken“, also mehrere Kompressionsstufen hintereinanderschalten. Der dynamische Effekt des „Stackens“ ist ähnlich wie bei der einfachen Kompression, aber der Klang wird oftmals natürlicher und eindrücklicher.

Fab Filter Compressor um das Signal weiter nach vorne zu bringen

Das entscheidende Werkzeug bei jeder Art von Kompression sind jedoch die eigenen Ohren. Am Kompressor können wir zwar ablesen, wie stark wir komprimieren und welche Parameter eingestellt sind, die tatsächliche Auswirkung ist aber viel wichtiger – und die nehmen wir mit unseren Ohren wahr. Wir empfehlen hier, viel zu experimentieren, zu hören und zu vergleichen. Es dauert eine Weile bis man ein Gefühl dafür hat, wie sich Kompression wirklich anhört. Mit ein wenig Übung wird der Unterschied aber schnell klar.

Hier bekommst du einen Eindruck wie sich die Kompression auswirkt:

Der Equalizer – kleine Änderung, große Wirkung

Mit einem Equalizer können wir nicht nur kleinere Verbesserungen im Frequenzgang erreichen, sondern auch starke künstlerische Veränderungen. Durch das Abschneiden der Höhen und Bässe erzeugen wir eine Art „Radio-Effekt“, der im Intro oder in einzelnen Passagen für mehr Spannung im Song sorgt. Außerdem können wir Stimmen dünner oder bassbetonter, dumpfer oder sehr mittig klingen lassen. Je nachdem welche Wirkung der Song haben soll, können wir mit dem Equalizer durch sehr einfache Änderungen das gewünschte Ergebnis erzielen.

Fab Filter EQ mit leichten Einstellungen zur Optimierung

Und so hört es sich nach der Bearbeitung an:

Hall und Delay – wenn es eine Nummer größer sein darf

Die essenziellen Werkzeuge für große, imposante Vocals sind Hall und Delay. Sie verleihen dem Signal die nötige Tiefe und betten es gut in den Mix ein. Hierfür nutzen wir üblicherweise einen Aux-Kanal. Das bedeutet, dass die eigentliche Audiospur über einen „Send“ auf den Kanal geschickt wird, an den das Hall- und Delay-Effektgerät angebunden ist. Anschließend wird dann dieser Aux-Kanal hinzugemischt. So können wir das Original-Vocal-Signal immer beibehalten und den Anteil des Halls perfekt bestimmen. Viele Plug-Ins bieten zwar mittlerweile einen „Mix“-Regler, der in etwa denselben Effekt hat, doch manchmal ist die Regelung über einen Aux-Kanal besser, da dieser Kanal separat bearbeitet werden kann.

Faltungshall eingebunden über einen Auxkanal

Ob und in welchem Umfang Hall und Delay sinnvoll sind, hängt vom jeweiligen Song und Genre ab. Manche Stilrichtungen profitieren von langen, großen Hallräumen und ein wenig Delay, bei anderen genügt dagegen schon ein kleiner Raumhall, um die Stimme nicht allzu trocken wirken zu lassen.

Auch hier gilt es zu experimentieren, doch gerade zu Beginn ist bei Hall und Delay weniger oft mehr. Eine alte Faustregel besagt, dass der Hall dann genau richtig ist, wenn man ihn nicht auf Anhieb heraushört.

Hörst du den Hall? Er ist subtil, gibt der Stimme jedoch mehr Räumlichkeit:

Was kommt danach?

Sobald das Vocal-Signal unseren Erwartungen entspricht, müssen wir es in den Mix einbetten. Dazu wird es noch einen separaten Artikel auf unserem Blog geben, daher wollen wir das Thema hier nur anreißen. In aller Kürze sei gesagt, dass wir mithilfe von Automation und Dynamik, wie beispielsweise Dopplungen oder Harmonien, die Qualität der Vocals in unserem Mix deutlich erhöhen können. Schließlich wollen wir den Zuhörer mitreißen, und das funktioniert am besten mit einer sauberen und kraftvollen Gesangsspur.

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