Lesezeit 9 min

BEYERDYNAMIC TRIFFT STEVE ALBINI

Der US-amerikanische Produzent und Musiker Steve Albini wurde insbesondere durch seine Produktion des letzten Nirvana Albums „In Utero“ 1993 weltberühmt. Trotzdem bevorzugt er es mit Independent Künstlern zu arbeiten und kritisiert häufig die großen Major-Labels in ihrem Umgang mit den Künstlern.

Producer Steve Albini im Interview mit beyerdynamic

Im Interview: Steve Albini

Das besondere an Steve Albini und seiner Arbeit ist, dass er sich selbst nicht als Produzent betrachtet, sondern als Ingenieur, dessen Aufgabe darin besteht den einmaligen Sound jeder Band zu erfassen. Im Interview erzählt er uns wie er mit Künstlern umgeht, mit welchen Mikrofonen er am liebsten arbeitet und was für ihn das Besondere an unseren Mikrofonen ist. Erfahrt außerdem, was er sich am meisten von uns wünscht.

Bitte beachte: Das Interview wurde auf Englisch geführt und von uns übersetzt. Hier kannst du dir das Original-Interview in englischer Sprache durchlesen. Zum Original-Interview >

beyerdynamic: Wie ist das Arbeiten in dieser aktuell schwierigen Zeit der kompletten Musik-Branche für einen Recording-Ingenieur?

Steve: Es ist sehr mühselig, die Covid-19 bedingten Sicherheits- und Desinfektionsrichtlinien im Arbeitsalltag zu befolgen. Dennoch könnte ich mir nicht vorstellen, diese nicht einzuhalten: Wir würden uns als Studiobetreiber schrecklich fühlen, wenn jemand krank werden würde, weil er zu einer Session hier war, auch wenn die Infektion nicht von uns verschuldet wäre. Konkret bedeutet dies, dass jeder hier eine Maske trägt, es sei denn er singt oder spielt ein Blasinstrument – dann muss er in einem separaten Raum sein. Es sind weder Gäste oder zusätzliches Personal im Gebäude anwesend, noch werden Kopfhörer, Mikrofone oder anderen Geräte durch die Bandmitglieder gemeinsam genutzt. Wir verbringen viel Zeit damit, manchmal sogar bis zu einem ganzen Tag, die Geräte, Oberflächen und Möbel im Studio zu desinfizieren. Das ist zwar unproduktive Zeit, aber ich tue dies lieber als ein Risiko einzugehen. Die Anzahl der Buchungen unseres Studios haben sich stark verringert, weil die Bands nicht zusammenfinden können um zu proben, Songs zu schreiben oder Auftritte zu spielen. Es gibt momentan keine Tourneen und die gesamte Wirtschaft flaut ab. Wir sind wahrscheinlich bei etwa 25% unseres normalen Arbeitspensums und das bedeutet natürlich eine enorme Belastung für das Studio.

beyerdynamic: Kommend aus der Independent-Szene, hast du es geschafft dir für deine Aufnahmetechniken einen weltweiten Ruf zu erarbeiten. Wie würdest du selbst deinen Sound beschreiben und wie erzeugst du diesen?

Steve: Bei allem was ich tue, gehe ich davon aus, dass die Band ihren Sound, wenn man sie auf eigene Faust spielen lässt, nahezu perfektioniert hat. Sie haben ihren Sound, die Arrangements und ihren Spielstil ausgearbeitet – manchmal sogar über viele Jahre hinweg. Meine erste Verpflichtung besteht somit darin zu versuchen eine genaue, möglichst naturgetreue Aufnahme zu machen. Das ist der Ausgangspunkt. Wenn die Band ihre Platte nach einem bestimmten Stil ausrichten oder die Klänge andersartig entwickeln will, ist das alles völlig in Ordnung. Mir ist jedoch wichtig, dass sie wissen, dass sie ihren eigenen Sound beibehalten können, sofern sie das wollen. Es ist überraschend schwierig, eine Aufnahme zu machen, die den gegebenen Klang nicht in irgendeiner Weise beeinträchtigt, bei der z.B. die lauten Dinge auch laut klingen und sich der Sound der Wiedergabe mit dem Sound im Raum während der Aufnahme deckt. Das ist deshalb schwierig, weil das Equipment manchmal bestimmte Effekte oder Einschränkungen hat, die erst dann offensichtlich werden, wenn man sie mit etwas Altbekanntem vergleicht. Meine grundlegende Methode besteht darin, eine naturgetreue Darstellung als Ausgangspunkt zu nehmen und von dort aus die gewünschten Anpassungen umzusetzen.

beyerdynamic: Du bist bekannt für deinen empathischen Umgang mit den Bands, die du betreust – worauf legst du besonderen wert?

Steve: Als Tontechniker ist es wichtig das eigene Ego hintenanzustellen. Dadurch vermeidet man die Urheberschaft der Musik, des Klangs oder auch nur eines kleinen Akzents für sich zu beanspruchen. Wenn man zu sehr in die eigenen Fähigkeiten oder Ergebnisse verliebt ist, übersieht man vielleicht etwas Wichtigeres. Es kann vorkommen, dass man dann etwas unbeabsichtigt an eine Aufnahme hinzufügt oder verändert, nur weil es einem persönlich gefällt. Deswegen sollte man sich die Zeit für ein Gespräch mit der Band nehmen, um ihre Ästhetik zu verstehen und mit ihnen sprechen, was sie mögen und was nicht, wem sie nacheifern wollen und welche Teile des Klangs an welcher Stelle kritisch sind. Höre nicht nur auf den Sound, an dem du arbeitest, sondern auch auf die Leute hinter dem Sound. Frage Sie, was ihnen gefällt, und versuche dies zu erreichen.

„Höre nicht nur auf den Sound, an dem du arbeitest, sondern auch auf die Leute hinter dem Sound.“

beyerdynamic: Während du mit Künstlern wie Nirvana zusammengearbeitet hast, welche eher minimalistische Produktionen hatten, hast du im letzten Jahr mit der japanischen Band Mono eine orchestrierte Rockplatte aufgenommen. Was macht diesen Bombast für dich aus?

Steve: MONO ist eine sehr unabhängige Band. Die Rockparts der Lieder werden von der Band in der Probe ausgearbeitet. Sie spielen wunderbar als Gruppe zusammen. Sie machen diese Art von Musik seit Jahrzehnten und verstehen diese mittlerweile intuitiv. Die Streicher- und Orchesterarrangements wurden von Taka Goto, dem Bandleader und Komponisten und von seiner langjährigen Mitarbeiterin Susan Voelz kreiert und verfeinert. Die beiden haben eine ganz besondere Beziehung. Die Orchestrierungen, die sie sich ausdenken sind einmalig. Ich denke, was mich an MONO im Unterschied zu anderen Rockbands, welche orchestrale Teile einbauen, anspricht ist, dass das Orchester sich nie beiläufig eingefügt anfühlt. Es ist immer ein struktureller Teil der Musik. Einen Rocksong z.B. mit nebensächlichem Orchesterpart zu komponieren ist dagegen bedeutend einfacher. MONO ermöglicht es sowohl dem Orchester als auch der Rockband ihr ganzes Spektrum an Möglichkeiten auszuschöpfen. Darin sind sie einzigartig.

beyerdynamic: Was macht dir mehr Spaß – Teil einer Band zu sein oder die Zügel während des Recordings als Ingenieur in der Hand zu halten?

Steve: In einer Band zu spielen ist das Beste, was ich je gemacht habe. Ich liebe es wie nichts Anderes in meinem Leben und ich vermisse es wahnsinnig in dieser Zeit. Ich genieße meine Arbeit als Ingenieur und es ist ziemlich befriedigend zu sehen, wie Menschen auf diese Weise ihre Ziele erreichen. Ich arbeite mit Leuten zusammen, die ich liebe und bewundere und mit denen ich mich angefreundet habe – überall auf der Welt. Es ist eine sehr erfüllende Arbeit, aber sie kann nicht mit dem reinen Vergnügen in einer Band verglichen werden.

beyerdynamic: Du bist bekennender Nutzer unserer Mikrofone – warum? Welche Eigenschaften gefallen dir besonders?

Steve: Ich mag beyerdynamic Mikrofone sehr gern, weil es für jeden Mikrofontyp eindeutige Merkmale gibt, die ihn für bestimmte Anwendungen einzigartig machen. Ich liebe es, dass ich den Klang fein abstimmen kann, indem ich den Charakter des Mikrofons nutze, um den einen oder anderen Aspekt hervorzuheben.

beyerdynamic: Welche unserer Mikrofone nutzt du an welchen Instrumenten?

Steve: Ich verwende das beyerdynamic M 380 bei wirklich jeder Session. Es ist ein absolut einmaliges und perfektes Mikrofon für tieffrequente Klangquellen wie Kick Drum, Bassgitarre, Pauken, usw. Ich kombiniere es oft mit einem helleren Mikrofon, in einer Art Tieftöner-Hochtöner-Anordnung, und das bietet mir eine große Flexibilität. Die Achter-Charakteristik ist im Inneren einer Kick Drum insofern nützlich, dass die Null an den Seiten die internen akustischen Reflexionen im Inneren der Trommel reduziert und so den resonanten „Bouncing-Ball-Effekt“ vermeidet. Da ich zwei funktionierende Kegel in der Richtcharakteristik des Mikrofons habe, kann ich die Platzierung des Mikrofons nutzen, um verschiedene Teile der Trommel hervorzuheben. Platziert man es näher am Trommelfell, hört das hintere Muster das Resonanzfell. Ist es näher am Schlagfell, so hört das vordere Muster mehr vom anfänglichen Anschlag der Trommel. Durch die Bewegung des Mikrofons im Innern der Trommel, kann man den Anschlag, das Gewicht und das Sustain der Kick Drum anpassen indem man es nur um einige Zentimeter bewegt. Das Mikrofon hat auch einen dramatischen Nahbesprechungseffekt, den ich beispielsweise verwende, um die unteren Oktaven eines Bassgitarrenamp hervorzuheben.

Die Mikrofone M 500, M 160 und M 130 verwende ich als Nahbereichs-Mikrofone an E-Gitarren-Amps. Ich finde, dass sie weniger empfindlich auf Luftdrücke des Amps reagieren als viele klassische Bändchenmikrofone und sie sind im Allgemeinen auch transparenter, was sich gut für den scharfen Klang einer verzerrten Gitarre eignet.

Ich verwende das M 130 und M 160 für akustische Gitarren, Mandolinen und andere Streichinstrumente. Die Transparenz dieser Mikrofone ergänzt den weichen, detaillierten Mitteltonbereich, der ein Markenzeichen von Bändchenmikrofonen ist.

Es gibt einige Sängerinnen und Sänger, mit einer weichen, modulierten Übertragung, besonders die klingen auf dem M 500 fantastisch, da es eine leichte Präsenzspitze hat die Details hinzufügt, ohne übermäßig zischend zu klingen.

Ich verwende das M88 als Gesangsmikrofon, wenn der Sänger das Mikrofon in der Hand halten möchte. Ich habe festgestellt, dass es eine viel bessere Detailtreue aufweist als andere gewöhnliche Bühnenmikrofone. Es ist außerdem schön für einen Sänger, wenn er sein Mikrofon bequem in der Hand halten kann. Das M 88 ist auch ein großartiges Mikrofon für schwere E-Gitarrenklänge. Es hat eine schöne Erweiterung im tieffrequenten Bereich, die bei der Aufnahme runter gestimmten Gitarren oder Baritongitarren hilft. Ich benutze das M 201 für Snare Drums, oft in Kombination mit einem kleinen Kondensatormikrofon. Die Ausgewogenheit zwischen diesen beiden ist oft ein sehr kraftvoller Klang.

beyerdynamic: Wir haben gelesen, dass es dir sehr wichtig ist, dass die Künstler bei ihren Aufnahmen möglichst „natürlich“ klingen. Dies ist auch einer unserer Grundsätze: Unsere Mikrofone sollen einen möglichst natürlichen, unverfälschten Klang haben – ist es das, was dir daran besonders gefällt?

Steve: Nehmen wir z.B. die Bändchenmikrofone: Diese zeichnen sich durch eine konstante Produktqualität aus. Das bedeutet, dass ich weiß was mich erwartet, wenn ich eines aus der Schublade ziehe. Die zusätzlichen Details in den hohen Frequenzen sind das, was die beyerdynamic Bändchenmikrofone von anderen Bändchenmikrofonen unterscheidet.

Das Beste an der gesamten Palette der Mikrofone ist, dass sie sich alle so sehr voneinander unterscheiden. Dies erlaubt mir, die spezifische Klangqualität zu wählen, die ich in dem Moment brauche, anstatt ein Mikrofon zu verwenden das nur fast das ist, was ich will.

beyerdynamic: Du hast unser M380 als eines deiner Lieblingsmikrofone bezeichnet. Kannst du uns sagen bei welchen Aufnahmen du dieses schon dabei hattest und was für dich den Reiz dieses Mikrofon ausmacht?

Steve: Die oben erwähnte Achter-Charakteristik ist sehr nützlich und der hohe Output bedeutet, dass ich das Mikrofon oft als Line-Level verwenden kann. Ich brauche deshalb keinen Vorverstärker zu verwenden, sondern kann das Mikrofon einfach als Line-Eingang an das Pult anschließen. Damit können einige möglicherweise auftretende Probleme mit Verzerrungen vermieden werden. Die erweiterte Bass-Wiedergabe ist sehr nützlich, um die Energie von tieffrequenten Instrumenten einzufangen, besonders, wenn sie durch den Nahbesprechungseffekt einer dichten Platzierung verstärkt wird. Im Grunde nehme ich nie eine Bassgitarre ohne das M 380 auf.

beyerdynamic: Auch intern steckt eine spannende Geschichte hinter dem M 380, da hier das System an das unserer Kopfhörer DT 770/990 PRO (600Ohm) angelehnt ist. Darin liegt auch die gute Tiefenwiedergabe des Mikrofons begründet. An welchen Instrumenten funktioniert das M 380 für dich am besten? Kombinierst du manchmal das M 380 mit einem anderen Mikrofon?

Steve: Wie bereits erwähnt, verwende ich oft ein helles Mikrofon in Kombination mit dem M 380. Mit welchem Mikrofon ich es kombiniere, ist allerdings sehr unterschiedlich. Ich nutze Kondensatormikrofone und hellklingende dynamische Mikrofone dafür. Die Geschichte über die Kopfhörer habe ich gehört und wir haben versucht, Kopfhörerelemente anderer Hersteller zu verwenden, aber leider war das nicht annähernd so gut wie das M 380.

beyerdynamic: Lustige Geschichte nebenbei: ein französischer Tontechniker, der mal bei dir und Greg Norman auf einem Seminar war, hat dich mit dem M 380 an verschiedenen Instrumenten arbeiten sehen und danach an uns eine Email geschrieben und uns gebeten, das M 380 wieder zu produzieren. Das hat uns sehr gefreut. Hältst du immer noch solche Seminare? Was bereitet dir daran besondere Freude?

Steve: Es gefällt mir, anderen Menschen etwas beizubringen, weil auch ich fast alles von anderen gelernt habe und das nun zurückgeben will. Ich denke, je mehr wir unser Wissen in der Gemeinschaft teilen, desto mehr wächst das Potenzial etwas Großartiges zu erreichen. Wenn jemand etwas Außergewöhnliches tut, dann höre ich gerne zu. Mir gefällt es auch die Arbeit der Teilnehmer zu hören. So konnte ich sogar noch ein paar Techniken erlernen, in meine Arbeit einbauen und wieder anderen Teilnehmern weitergeben. Alles in allem ist es sehr befriedigend zu sehen, wie die Menschen lernen und wachsen. Ich mag den Gedanken, dass die Dinge, die ich gelernt habe nicht mit mir verschwinden.

„Ich denke, je mehr wir unser Wissen in der Gemeinschaft teilen, desto mehr wächst das Potenzial etwas Großartiges zu erreichen.“

beyerdynamic: Die Band Nirvana war mit unseren Mikrofonen eng verknüpft und hatten sogar beim MTV Unplugged auch unsere Mikrofone im Einsatz. Hast du bei den Aufnahmen zu „In Utero“ auch unsere Mikrofone verwendet?

Steve: Ich bin sicher, dass ich für die E-Gitarre bestimmt einige beyerdynamic Mikrofone verwendet habe, jedoch kann ich mich nicht daran erinnern welche ohne ein Track Sheet zu betrachten.

beyerdynamic: Tragen Musiker wie Dave Grohl oder Kurt Cobain aktiv zur Wahl des passenden Mikrofons im Studio bei oder überlassen sie dir die Wahl?

Steve: Den meisten Musikern sind die technischen Details der Aufnahmen eher unwichtig, da sie andere Dinge im Kopf haben wie zum Beispiel ihr eigenes Equipment und ihre Performance. Wenn jemand fragt, dann teile ich aber gerne mein Wissen mit ihnen.

beyerdynamic: Auf welche Aufnahme in deiner Karriere bist du besonders stolz? Und gibt es eine Band/Künstler, welchen du gerne mal aufnehmen würdest?

Steve: Ich habe mehrere Alben mit der Sängerin Nina Nastasia aufgenommen und ich finde sie und ihre Mitstreiter wirklich hervorragend. Mit der Psychedelic-/Metal-Band Neurosis habe ich ebenfalls eine Reihe von Alben aufgenommen und ich bin immer wieder beeindruckt vom einzigartigen Klang dieser Band.

beyerdynamicWie würdest du beyerdynamic in 3 Worten beschreiben?

Steve: Make M380s again!

Du möchtest mehr über Musik-Produktion erfahren? Dann entdecke hier unsere Reihe rund um Mixing, Mastering und Monitoring >

War dieser Beitrag hilfreich?

Wie bewertest du diesen Artikel?
Rating: 5.0/5. Von 8 Abstimmungen.
Bitte warten...