Nahbesprechungseffekt bei Mikrofonen

Viele Mikrofone überzeugen nicht nur durch ihre spezielle Funktionsweise und ihre Richtwirkung, sondern weisen auch den sogenannten Nahbesprechungseffekt auf. Im Folgenden erfährst du, was man unter diesem Effekt versteht und wann bzw. warum er auftritt.

Was versteht man unter dem Nahbesprechungseffekt?

Wenn du schon einmal in ein typisches Gesangsmikrofon wie das TG V70 gesprochen oder gesungen hast, hast du bestimmt auch das folgende Phänomen erlebt: kommt das Mikrofon näher zum Mund, wird das Mikrofonsignal nicht nur lauter, sondern sogar voluminöser bzw. basslastiger. Diese stärkere Betonung der tiefen Frequenzen wird Nahbesprechungseffekt oder auch Nahheitseffekt genannt.

Da dieser Effekt recht ausgeprägt ist, lassen sich damit Stimmaufnahmen sogar gezielt verändern (siehe Animation). Je größer der Abstand zum Mikrofon, desto dünner klingt die Aufnahme. Verringert sich der Abstand, so wird die Aufnahme dumpfer. Wir können grob davon ausgehen, dass dieser Effekt bei einer Frequenz von 100 Hz zu einer Pegelanhebung von bis zu 25 dB führen kann – ein erheblicher Unterschied.

Nahbesprechungseffekt bei Mikrofonen

Bei der Entwicklung eines Mikrofons muss daher die Tatsache berücksichtigt werden, dass der Abstand, in dem es besprochen wird, eine große Rolle spielt. Dies ist auch mit ein Grund dafür, dass es so viele unterschiedliche Mikrofontypen am Markt gibt, die alle ihre Daseinsberechtigung haben.

Für die Auswahl des richtigen Mikrofons ist daher der gewünschte Einsatzzweck auschlaggebend. Denn „das beste“ Mikrofon per se gibt es nicht. Vielmehr gibt es das für den jeweiligen Zweck und das gewünschte klangliche Ergebnis am besten geeignete Mikrofon. So ist beispielsweise unser TG V96 das ideale Mikrofon für nahbesprochene, hochwertige Gesangsdarbietungen, das TG D71 dagegen für die optimale Klangaufnahme in der Bassdrum und das MC 930 wiederum für Choraufnahmen aus größerer Entfernung.

Warum entsteht der Nahbesprechungseffekt?

Mikrofone ohne Kugelrichtcharakteristik weisen eine entfernungsabhängige Bassanhebung auf. Diese kann mal stärker und mal schwächer ausfallen. Das bedeutet, dass auch Sänger und Sängerinnen selbst den aufgenommenen Klang leicht verändern können, unabhängig von der Einstellung am Mischpult. Die Intensität des Nahbesprechungseffekts hängt dabei von der Richtwirkung des Mikrofons ab:

Richtcharakteristiken mit Nahbesprechung

Bei unserem Bändchenmikrofon M 130 zeigt sich beispielsweise ein stärkerer Nahbesprechungseffekt als beim TG V50. In diesem Zusammenhang ist auch wichtig, dass bei seitlicher Besprechung, wie z. B. beim Einsatz des MC 930 Stäbchenmikrofons mit Nierencharakteristik, kein Nahbesprechungseffekt auftritt.

Wie lässt sich der Nahbesprechungseffekt erklären?

Die Membran eines Mikrofons mit Kugelcharakteristik ist nur auf einer Seite dem Hörschall ausgesetzt. Sie folgt daher dem Schalldruck. Deshalb werden diese Mikrofone auch Druckempfänger genannt. Druckempfänger haben keinen Nahbesprechungseffekt, da dieser nur bei Mikrofonen auftritt, bei denen der hörbare Schall beide Seiten der Membran erreicht. Dies geschieht bei allen Mikrofonen ohne Kugelcharakteristik. Hier gibt es einen gewünschten Laufzeitunterschied zwischen Membranvorderseite und Membranrückseite. Die Membran reagiert somit auf den Druckunterschied, genauer gesagt auf den Schalldruckgradienten. Daher werden diese Mikrofone auch als Druckgradientenempfänger bezeichnet.

Der Druckgradient nimmt jedoch mit steigender Entfernung ab. Im Nahfeld einer kugelförmigen Schallausbreitung verteilt sich die Schallenergie auf Kugelschalen, deren Oberflächen mit zunehmender Entfernung überproportional zunehmen. Das bedeutet, dass sich der Schalldruckgradient hier im Wesentlichen quadratisch zur Abstandsänderung verhält. Infolge des Kugelanteils des Schallfeldes ist der Schalldruck nahe der Quelle auf der Vorderseite der Membran deutlich höher als auf deren Rückseite – der Schalldruckgradient ist also deutlich größer. Im Fernfeld hat die Schallwelle keinen nennenswerten Kugelanteil, da für die kurze Wegstrecke zwischen Vorder- und Rückseite der Membran der Schall als ebene Welle angenommen werden kann. Daher entsteht hier auch kein Nahbesprechungseffekt mehr.

Dies erklärt auch warum die Nahbesprechung eines Druckgradientenmikrofons zu einem überproportional höheren Pegel führt. Aber warum hängt dieser Effekt von der Frequenz ab? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir wissen, dass tiefe Frequenzen eine größere Wellenlänge besitzen als hohe Frequenzen. Nehmen wir beispielsweise an, dass wir bis zu einer Entfernung von maximal zehnfacher Wellenlänge von einem Nahfeld sprechen. Diese Entfernung wird bei tiefen Frequenzen deutlich später erreicht als bei hohen. Daher ist der Nahbesprechungseffekt im tiefen Frequenzbereich besonders ausgeprägt.

Nahbesprechung und Rückkopplung

Beim Thema Nahbesprechung sollten wir auch die Rückkopplung nicht außen vor lassen. Der Vorteil der geringeren Rückkopplungsneigung von Richtmikrofonen zeigt sich nämlich nicht nur in der Richtwirkung selbst, sondern auch im Nahbesprechungseffekt. Durch die Nahbesprechung ergibt sich ein Bassgewinn bzw. anders ausgedrückt ergibt sich durch eine größere Entfernung eine Bassabsenkung. Das bedeutet auch, dass bei gleicher Bassverstärkung des gewünschten Signals eine Rückkopplung im Bassbereich bei Kugelmikrofonen wahrscheinlicher ist.

Wie bewertest du diesen Artikel?
Rating: 5.0/5. Von 3 Abstimmungen.
Bitte warten...